Die Technologiebörse Nasdaq liefert Rekord um Rekord. Auch der DAX liegt nahe seines Höchstkurses. Doch das Schwergewicht SAP hinkt ebenso wie Adobe unter den US-Techs.
Technologische Revolutionen waren in den vergangenen Jahren ein verlässlicher Renditetreiber: Netflix erfand fernsehen neu, Amazon hat den Einzelhandel umgebaut, Tesla der Autoindustrie das Fürchten gelehrt. Nun steht mit der Künstlichen Intelligenz die nächste Umwälzung auf dem Programm. Und wie so oft gilt: Erst jubeln die Märkte, dann übertreiben sie – diesmal in Teilbereichen auch nach unten.
Microsoft, SAP, Salesforce – SOS bei SaaS-Aktien
Während Chiphersteller als Schaufelverkäufer des KI-Goldrauschs gefeiert werden, senden Software-as-a-Service-Aktien (SaaS) seit Monaten ein deutliches SOS. Microsoft, SAP, Oracle, Salesforce und Adobe notieren seit Jahresbeginn durchweg im Minus, teils zweistellig. Die Botschaft der Börse scheint klar: KI frisst Enterprise-Software zum Frühstück.
KI verdirbt die Party
Der Kern der Verunsicherung ist schnell erklärt. Neue KI-Agenten wie Claude ermöglichen es kleinen Teams, komplexe Anwendungen selbst zu bauen oder Standardsoftware durch maßgeschneiderte Workflows zu ersetzen. Die alte SaaS-Gleichung – mehr Mitarbeiter gleich mehr Lizenzen gleich mehr Umsatz – gerät ins Wanken. Wenn KI Aufgaben übernimmt, für die früher mehrere Angestellte nötig waren, schrumpft dann nicht automatisch der Lizenzbedarf?
Mit jedem neuen KI-Release wächst diese Sorge. Die Kurse reagieren prompt, denn die vermeintlich sicheren, planbaren Abo-Erlöse waren lange der Hauptgrund für hohe Bewertungen. Doch genau hier lohnt der zweite Blick: Die aktuellen Bewertungsniveaus wirken weniger wie ein Urteil über die Zukunft als wie eine Überreaktion. „Salesforce kommt auf ein KGV von rund 17, Microsoft und Oracle liegen bei knapp 25, SAP in einem ähnlichen Bereich“, wertet Thomas Soltau aus der Datenbank des Smartbroker aus. Das sind keine euphorischen Wachstumsprämien mehr, sondern Bewertungen, wie man sie von soliden Blue Chips kennt. Analystenhäuser wie Evercore nennen Microsoft, Salesforce und Oracle sogar explizit als Software-Favoriten für 2026. Angst ist also reichlich eingepreist.
Dies sieht man auch an den Abschlägen bei Private Credit Kreditgebern. Der Zertifikateanbieter Vontobel rechnet dazu in einer Analyse vor, dass „ein beträchtlicher Anteil der vergebenen Kredite in Softwareunternehmen floss, deren wiederkehrende Umsatzmodelle als besonders kreditwürdig galten. Laut PitchBook entfallen rund 17 Prozent aller Investitionen auf die Softwarebranche (CNBC, 08.02.2026)“, so Vontobel.
Burggräben findet man dennoch
Hinzu kommt aber ein oft unterschätzter Faktor: Unternehmenssoftware ist kein Plug-and-Play-Schnickschnack. Sie steckt tief in Prozessen, Schnittstellen und Compliance-Regeln. Ein Wechsel bedeutet nicht nur neue Lizenzkosten, sondern Datenmigration, Prozessneudesign, Schulungen und Governance-Aufwand. Kurz: echte Kosten, echte Risiken. Was in einer KI-Demo leicht aussieht, entpuppt sich im Alltag schnell als Mammutprojekt.
Ein weiterer Burggraben heißt Datenhoheit. Die Vorstellung, kleine Teams könnten mit generischen KI-Tools mühelos vollwertige Enterprise-Lösungen bauen, unterschätzt die Komplexität unternehmensweiter Datenlandschaften. Datenlokalität, Zugriffssteuerung und regulatorische Vorgaben sind für Konzerne und öffentliche Auftraggeber keine Nebensache. Plattformen, die Sicherheit, Integration und Kontrolle bieten, bleiben gefragt – besonders in Europa und in regulierten Branchen. Die tiefe Verflechtung von Microsoft 365 oder Oracle-Datenbanken macht einen schnellen Wechsel technisch wie wirtschaftlich riskant.
KI ist keine Abrissbirne
Auch der Blick auf die Praxis relativiert viele Befürchtungen. Produktive KI-Agenten zeigen beeindruckende Effizienzgewinne, doch sie ersetzen selten über Nacht ganze Architekturen. Sie ergänzen bestehende Workflows, beschleunigen Reporting, automatisieren Routinekommunikation. Die Infrastruktur und Vertrauensschicht liefern weiterhin die großen SaaS-Plattformen. Wer Daten, Prozesse und Zugriffsrechte kontrolliert, sitzt am längeren Hebel – wirtschaftlich, nicht ideologisch.
Wie das aussehen kann, zeigte Salesforce auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2026. Dort präsentierte der Konzern seine Agentforce-360-Plattform und die Concierge-App „EVA“. EVA ist ein autonom handelnder Agent, der Meetings plant, komplexe Briefings in Sekunden erstellt und Teilnehmer durch Events leitet. Parallel ist der neue Slackbot seit Januar breit verfügbar – tief integriert in Unternehmensdaten, datenschutzkonform, kontextbewusst. Das ist KI als Produktivitätswerkzeug, nicht als Bedrohung.
Die Experten vom Lynx-Broker merken an, dass „Microsoft einen ähnlichen Ansatz verfolgt: Azure-Cloud, Microsoft 365 und Dynamics verbinden Skaleneffekte mit tiefer Enterprise-Verankerung“. Die starke Dynamik im Commercial-Cloud-Geschäft zeigt, dass steigende KI-Ausgaben nicht an Microsoft vorbeifließen, sondern durch das Ökosystem kanalisiert werden.
Was wir derzeit sehen, ist ein klassischer Reinigungsprozess. Bewertungen wurden deutlich korrigiert, Erwartungen vor den anstehenden Unternehmenszahlen bewusst nach unten geschraubt. Für Privatanleger ist das weniger ein Grund zur Panik als eine Einladung zur nüchternen Analyse. Risiken gibt es immer – vom Tempo des technologischen Wandels bis zu regulatorischen Stolpersteinen. Doch die strukturellen Stärken der großen SaaS-Anbieter sind nicht verschwunden, sie werden lediglich neu bewertet.