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Tradingideen

Deutschland lebt – vielleicht

By 13. Dezember 2025Keine Kommentare

Abfindungspakete und Stellenstreichungen dominieren die Presseberichterstattung zu deutschen Großkonzernen. Doch die Hoffnung lebt in der zweiten Reihe.

Wenn große Medien auf ihren Titelseiten erörtern wie hoch Abfindungspakete bei Daimler, Bayer oder Audi ausfallen und man sich darüber austauscht, wer bei Bosch ab wann in frühzeitigen Ruhestand verabschiedet wird, dann fühlt sich die deutsche Wirtschaft an wie ein großes Unternehmen in Abwicklung. In der Tat sieht es vielfach mau aus. Im Speckgürtel Stuttgarts berichten Immobilienmakler bereits vom Trend, dass Häuser mittlerer Klasse schwieriger zu vermitteln sind, weil der Facharbeiter vom Daimler oder Porsche Risiken scheut. Audi in Heilbronn steckt ebenso wie die Zulieferer in der Krise und kaschiert dies durch Milliardeninvestitionen der Schwarz-Gruppe. Schön, wenn man in Leingarten oder Neckarsulm sein Eigenheim hält, denn Lidl schlägt in diesem Fall die alte Wirtschaft von Audi.

Zweite Reihe beachten

Auch in der Börsenwelt blickt reflexartig auf die Blue Chips, auf die Schwergewichte aus dem DAX. Doch die wahre Magie, die höheren Erträge und die spannenderen Storys stecken oft in der zweiten und dritten Reihe: bei den Nebenwerten. Langfristig steckt dort eine Menge Hoffnung und diese Hoffnung lohnt es zu illustrieren. Denn die Zahlen sprechen aber eine eindeutige Sprache. So mancher Anleger dürfte verwundert die Augen reiben: „Wer im Jahr 2000 mit 50.000 Euro in den MDAX eingestiegen ist, freut sich heute über einen Depotwert von beeindruckenden 350.000 Euro“, rechnet Thomas Soltau vom Smartbroker vor. Das entspricht einer durchschnittlichen Jahresrendite von rund acht Prozent. Im Kontrast dazu wirkt der DAX fast schon müde: Er brachte es im gleichen Zeitraum auf weniger als fünf Prozent pro Jahr, was aus den 50.000 Euro „nur“ 170.000 Euro machte. Natürlich sind diese 170.000 Euro immer noch Lichtjahre besser als alles, was man auf Girokonten mit herkömmlichen Zinsen erzielt hätte. Trotzdem ist etwas übertrieben formuliert ist der Unterschied zwischen MDAX und DAX der Unterschied zwischen einem kräftigen Vermögensaufbau und dem bloßen Schlagen des Sparbuchs.

Der Charme der Provinz ist momentan verflogen

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass dieser Zauber in den vergangenen Jahren verblasst ist. „Während der DAX seit 2022 im Schnitt um rund zehn Prozent pro Jahr zulegte, ließen Anleger mit dem MDAX sogar rund fünf Prozent pro Jahr liegen“, so Lars Reichel von der Börse München. Die jüngste Berichtssaison lieferte ein düsteres Spiegelbild dieser Problematik. Die MDAX-Unternehmen verzeichneten im dritten Quartal durchwachsene bis schwache Ergebnisse, wobei die Gewinne im Jahresvergleich um zwölf Prozent sanken. Vor allem die Sektoren Zyklischer Konsum und Chemie belasteten das Gesamtergebnis, während der Finanzsektor die Ertragsentwicklung stabilisierte. „So lagen die Gewinne rund sieben Prozent unter den Prognosen der Analysten und nur die Hälfte der Unternehmen lag über den Erwartungen“, erklärt Stefan Riße von Acatis.

Die Gründe für diese schwächere Gewinnentwicklung liegen auf der Hand und entlarven die stärkere Anfälligkeit der Nebenwerte: „Die MDAX-Konzerne erzielen im Vergleich zum DAX einen rund doppelt so hohen Umsatzanteil in Deutschland“, so Experte Soltau. Die höhere Abhängigkeit von der lokalen Wirtschaft, die nach wie vor nicht in Fahrt kommt, bremst den Markt aus und schreckt Investoren ab.

Die Quittung für die Hoffnung

In den ersten Monaten des Jahres lebte noch die Hoffnung, dass die MDAX-Unternehmen stärkere Profiteure der angekündigten Fiskalmaßnahmen und Strukturreformen der Regierung sein könnten. Doch diese Euphorie ist verflogen. Die Anleger ziehen eine nüchterne Bilanz: Berlin liefert wieder einmal nicht.

Ausländer ziehen Geld ab

Die Folge ist ein Vertrauensentzug: Internationale Fonds mit Schwerpunkt auf Nebenwerten ziehen sich aus den heimischen Titeln zurück. Das ist ein Hauptgrund, warum der MDAX in den vergangenen Monaten wieder deutlich Federn lassen musste und nun satte 20 Prozent unter seinem Hoch aus 2021 steht. Doch wo Schmerz ist, ist oft auch Potenzial. Positiv argumentiert, ist inzwischen sämtliche Fantasie ausgepreist. Das Überraschungspotenzial ist größer denn je, falls die fiskalischen Impulse und Strukturreformen der Regierung – wenn auch verspätet – doch noch kommen und sich in den kommenden Quartalen in Umsatz und Gewinn niederschlagen. Deutschland lebt – vielleicht und hoffentlich in der zweiten Reihe.

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