Der DAX startet freundlich in die Woche. Die spannendere Entwicklung spielt sich aber unter der Oberfläche ab: In den vergangenen beiden Handelstagen zeigte der breite Markt relative Stärke gegenüber Tech-Aktien. Die bisherigen Zugpferde verlieren Schwung – das eröffnet Nachzüglern Raum. Für den DAX bleibt die Zone um 25.300 Punkte umkämpft. Nach unten hat die 200-Tage-Linie vergangene Woche erneut gehalten.
Rückenwind liefert zum Wochenstart der Ölpreis. Brent liegt trotz neuer Huthi-Angriffe in Saudi-Arabien unter dem Freitagsschluss. Robuste Lieferungen aus der Golfregion und Trumps verkündete „Energie-Waffenruhe“ zwischen Russland und der Ukraine dämpfen die Versorgungssorgen. Die Börse handelt damit bereits die Hoffnung auf Entspannung. Ob Trumps Ankündigung trägt, muss sich erst zeigen.
Im Wochenverlauf rücken US-Inflation, Frankreichs Haushalt und die Berichtssaison in den Mittelpunkt. Am Dienstag öffnen JPMorgan, Citigroup, Wells Fargo und Goldman Sachs ihre Bücher; auch LVMH – hier bei Gettex – legt Umsatzzahlen vor. Heute fehlen wichtige Konjunkturimpulse. Der US-Rentenmarkt bleibt wegen des Columbus Day geschlossen, Aktien werden regulär gehandelt.
Bei Chips hält die Skepsis an. Der US-Halbleiterindex SOX verlor vergangene Woche 4,3 Prozent, der südkoreanische Kospi gibt nach dem langen Wochenende rund drei Prozent nach. Der KI-Trade dürfte vor einer weiteren Verschnaufpause stehen.
Aufschlussreich war die Kursreaktion am Freitag: Ein optimistischerer Bericht über OpenAIs Umsatzentwicklung brachte nach dem schwachen Donnerstag zunächst Erholung. Doch die Gewinne hielten nicht. Das spricht für einen anspruchsvolleren Markt: Gute Nachrichten reichen offenbar nicht mehr aus, um die Kurse dauerhaft anzuschieben. Bei den hohen Bewertungen müssen sie auch die bereits eingepreisten Erwartungen übertreffen.
Die OpenAI-Debatte verlangt allerdings saubere Begriffe. Laut Medienberichten lag der annualisierte Nettoumsatz Ende September bei rund 50 Milliarden Dollar. Bloomberg zufolge soll die Umsatzrate bis Jahresende mindestens 70 Milliarden Dollar erreichen, vor allem dank des Unternehmensgeschäfts. Die September-Zahl belegt daher für sich genommen keine Verfehlung des Jahresendziels.
Entwarnung liefert das trotzdem nicht. Zuvor waren bereits rund 70 Milliarden Dollar als aktuelle Umsatzrate im Umlauf. Annualisierte Umsätze schreiben zudem kurze Zeiträume auf ein Jahr fort; sie sind kein tatsächlich erzielter Jahresumsatz. Unterschiedliche Umsatzdefinitionen erschweren auch den Vergleich mit Anthropic. Die vermeintlich präzisen Milliardenbeträge vermitteln mehr Sicherheit, als die Daten hergeben.
Hier liegt die Schwachstelle des KI-Trades: OpenAI ist ein wichtiger Gradmesser für die Nachfrage nach KI-Chips, bleibt als privates Unternehmen aber weit weniger transparent als ein börsennotierter Konzern. Hohe Bewertungen treffen auf eine lückenhafte Informationsbasis. Schon Zweifel an einzelnen Kennzahlen können deshalb kräftige Kursbewegungen auslösen.
Unser bevorzugtes Szenario: Neue Rekorde dürften KI- und Chip-Aktien vorerst schwerfallen. Der breite Markt könnte dagegen aufholen. Für den DAX liegt die Chance in einer Rally, die auf mehr Schultern getragen wird.